Freitag, 4. September 2015

Von Schnackern und Protern II

von Schnackern und Protern II

Nach Osten hin kommen wir ins Oldenburger Münsterland, zu dem die Kreise Cloppenburg und Vechta gehören. Die Unterschiede zu unserem heimischen Platt sind hier nicht ganz so gravierend wie beim Ostfriesischen. Einige Details fallen dem Zuhörer jedoch sofort auf, z.B. dass die Leute dort nicht unser emsländisches "proten" kennen. Ab Cloppenburg "schnackt" man, wie fast überall im restlichen Norddeutschland.

Selbst bei unseren nördlichen Nachbarn in Ostfriesland gibt es diesen Gegensatz zwischen der westlichen und östlichen Variante. In den Kreisen Leer und Aurich heißt es wie bei uns "proten" und im Kreis Wittmund "schnacken". Doch damit ist es nicht getan. Interessanterweise gibt es den Unterschied zwischen den beiden Verben für sprechen auch noch sehr viel weiter nördlich, in Skandinavien. Die beiden plattdeutschen Begriffe für das Verb sprechen begegnen uns auch in den drei nordischen Ländern wieder. Während ein Schwede sagt: "Jag pratar Svenska", heißt es im Norwegischen und Dänischen "jeg snakker".

Der schwedische Schriftsteller August Strindberg (1849 - 1912) schrieb in seinem Roman "Das rote Zimmer" über sein Land und dessen Sprache: "Schweden ist, wie man weiß, eine deutsche Kolonie und die Sprache, die sich bis in unsere Tage ziemlich rein erhalten hat, ist Plattdeutsch in zwölf Dialekten." Selbstverständlich wollte Strindberg diese Aussage nicht wörtlich verstanden wissen. Vielmehr ging es ihm darum, dem Leser die große Ähnlichkeit des Schwedischen mit dem Plattdeutschen vor Augen zu führen.

Tatsächlich ist es für Norddeutsche mit Plattdeutschkenntnissen relativ einfach, den Inhalt eines schwedischen, norwegischen oder dänischen Textes zu erfassen. Die große Ähnlichkeit ist der Zeit der Hanse zu verdanken, jener Zeit vom 13. bis zum Ende des 15. Jahrhunderts als Mittelniederdeutsch die führende Handels- und Verkehrssprache Nordeuropas war und auf benachbarte Sprachen einen ähnlichen Einfluss ausübte wie heutzutage das Englische.

(usprünglich veröffentlicht am 12.06.2013 - Hyazinth Sievering)

Donnerstag, 3. September 2015

Stille Post


Stille Post

(von Hyazinth Sievering) 


Wohl jeder hat schon mal als Kind das Spiel ‘Stille Post’ gespielt. Man sitzt im Kreis und einer der Mitspieler denkt sich ein Wort oder einen kurzen Satz. Das Wort oder der Satz wird dann dem nächsten Mitspieler ins Ohr geflüstert. Der wiederum flüstert es dem Nächsten ins Ohr und so weiter bis der letzte Spieler erreicht ist. Dieser muss das soeben Gehörte dann laut wiederholen. Oft kommt es zu sehr amüsanten Veränderungen des Gesagten, weil es durch das Flüstern falsch verstanden und weitergegeben wird. Es ist wie mit einem Dorfgerücht, das sich von Gespräch zu Gespräch, von Person zu Person leicht verändert und manchmal groteske Formen annimmt.

Auch die Muttersprache eines Menschen wird zunächst vor allem mündlich weitergegeben. Erst viel später, wenn das Kind bereits gut sprechen kann, beginnt der Schulunterricht und das Kind lernt seine Muttersprache zu schreiben. Oder eine andere Sprache. Bei einem Großteil der erwachsenen Emsländer dürfte dies der Fall sein. Die Muttersprache ist Platt und in der Schule wurde dann Hochdeutsch gelernt. Sprechen und Schreiben. Somit wird die Muttersprache Plattdeutsch nur mündlich weitergegeben.

Da wundert es nicht, dass es von Generation zu Generation zu Veränderungen kommt. Die Aussprache ändert sich und manche Wörter klingen nach wenigen Generationen ganz anders.

Ein typisches Beispiel ist unser Wort für Bett, im Emsländer Platt Berre genannt. Wir haben es hier mit einem klassischen Fall von „Stiller Post“ zu tun, denn ursprünglich lautete das plattdeutsche Wort für die Schlafstätte Bedde. Das kurz und schnell gesprochene Wort veränderte sich. Aus dem d-Laut wurde ein gerolltes r. Ebenso die Kröte, plattdeutsch Parre, die ursprünglich einmal Padde hieß. Der Linguist Hermann Schönhoff, dessen Buch über das Emsländer Platt ich hier vor einiger Zeit vorstellte, beschrieb diesen Lautwandel von d zu r schon 1908.




Möglicherweise haben diese „Hörfehler“ damit zu tun, dass der Lernende das Gehörte anders deutet und mit Bekanntem vergleicht. So wird die Brennnessel bei uns von einigen Menschen Branneckel genannt. Richtig müsste es heißen Brannnäddel, die sich auch in ähnlicher Form im Hümmlinger Wörterbuch von Heinrich Book und Hans Taubken wiederfindet. Die „Näddel“ (vgl. Englisch: nettle) ist anscheinend beim ersten Hören erst mal etwas Unbekanntes und wird vielleicht mit „Eckel“ (Eichel) verglichen.




Ein häufig gebrauchtes Wort in unserem heimischen Plattdeutsch lässt tiefere Schlüsse über den Wandel der Aussprache zu: neischierig, plattdeutsch für das Adjektiv „neugierig“. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass es aus nei und schierig zusammengesetzt ist, wobei uns die zweite Hälfte sehr fremdartig erscheint. Klarer wird es erst, nachdem wir den Trennungsstrich an der richtigen Stelle gesetzt haben: neis-chierig. Also „Neues“ und „chierig“? Gierig. Gierig auf Neuigkeiten.

Bei älteren Plattsprechern hört man noch manchmal, dass sie das sch nicht wie im Hochdeutschen aussprechen, sondern dass es sich um eine Kombination aus scharfem s gefolgt von ch handelt. So klingt das plattdeutsche Schaf bei älteren Emsländern etwa wie „ss-chaop“. Im Gegensatz dazu bei jüngeren Sprechern „schaop“ mit dem aus dem Hochdeutschen bekannten Laut wie in „schön“. Auch Schönhoff beschreibt diesen Laut in seinem Werk, z.B. auf Seite 158:


Auch ein anlautendes g wurde früher als ch ausgesprochen, wenn es mit stimmlosen anderen Konsonanten (z.B.: p, t, k oder s) zusammentraf. Eben jene Kombination aus s und ch hörte man auch im Wort neis-chierig, was dann von der nachfolgenden Generation als neischierig übernommen wurde.

Die unterschiedliche Aussprache des g wird anschaulich sichtbar in einer kleinen Geschichte, die man sich vor über hundert Jahren in Lathen erzählte. Sie wird von Hermann Schönhoff in Lautschrift wiedergegeben. In diesem kleinen Dönken kommt zwei Mal das Wort Geld vor. Vergleiche die Aussprache „dat Cheld“ und beim zweiten Mal „kien Geld“.



Hier die Transkription der Geschichte in der originalen Lathener Aussprache zum Mitlesen und Schmunzeln:

Einmaol was dor es’n Dominikaner un’n Franziskaner, de wörn ut wäen to (...*), un de Dominikaner drög dat Geld. Do kömen se vör’n Water. Do segg de Dominikaner to’n Franziskaner, he harr doch blote Föite, he künn’n wall up’n Nacken nähmen un dör’t Water drägen. Do dö dei’t uk un as se midden in’t Water wören, sä de Franziskaner, he düss kien Geld drägen un sett den Dominikaner midden in’t Water hen. Un do künn he seihn, dat he de weer utköm.

*tamneiern - Wer kennt diesen Begriff und kann ihn übersetzen?

(ursprünglich veröffentlicht 18.12.2013 - Hyazinth Sievering)