Wörter
löschen?
(von Hyazinth Sievering)
„Es
macht unheimlichen Spaß, Wörter auszulöschen. Die meisten
überflüssigen Wörter sind natürlich Verben und Adjektive, aber es
gibt auch Hunderte von Substantiven, derer man sich entledigen kann.
Dabei geht es nicht nur um die Synonyme, es gibt auch noch die
Begriffe, die das Gegenteil bedeuten...“
Beim
unvorbereiteten Lesen dieser Zeilen wird der unbeteiligte Leser erst
mal zu Recht erschrocken sein. Schließlich sind wir doch einhellig
der Meinung, dass jede Nuance, jedes Synonym eine Bereicherung
darstellt. Je umfangreicher unser Wortschatz, desto besser.
Die
obige Textpassage stammt aus George Orwells „1984“, jener vielzitierten Dystopie, in der ein totalitäres Gesellschaftssystem, eine
absolute Diktatur mit dem notwendigen Überwachungsstaat beschrieben wird.
Viele von uns haben das Buch möglicherweise während der Schulzeit
gelesen. Beim Auspacken eines alten Kartons fiel es mir vor kurzem
wieder in die Hände und ich begann zu blättern. Bei obiger
Textstelle, in der Syme, ein Kollege des Protagonisten Winston Smith,
diesem von seiner Arbeit an der Reformierung der Sprache erzählt,
blieb ich hängen. Die Regierung von Oceania möchte die Sprache an
die Erfordernisse der „Gedankenkontrolle“ anpassen und deshalb
zahlreiche Begriffe ersatzlos streichen.
Nun
leben wir glücklicherweise nicht in einer Diktatur und ich gehe
nicht davon aus, dass es jemand auf unsere Gedanken abgesehen hat.
Trotzdem begann ich darüber nachzudenken, wie der Verlust von
bestimmten Begriffen in unserer Sprache unser Denken beeinflussen
könnte. Wie sagt doch der Kollege von Winston Smith:
„...der
ganze Sinn der neuen Sprache „Newspeak“ ist es, die Bandbreite
unserer Gedanken einzuengen. Am Schluss dieses Prozesses werden wir
in Gedanken begangene Kritik am Regime buchstäblich unmöglich
machen, denn es wird keine Wörter mehr geben um sie zu beschreiben.
Jede Idee, jeder Gedanke der jemals benötigt werden könnte, wird
mit genau einem einzigen Begriff ausgedrückt, dessen Bedeutung genau
definiert ist. Alle weiteren Bedeutungsnuancen sind ausgelöscht und
vergessen...
...dieser
Prozess wird sogar noch weitergehen, wenn du und ich schon längst
gestorben sind. Jahr für Jahr weniger Wörter und die Bandbreite des
Bewusstseins jedes Jahr etwas kleiner.“
Es
macht Spaß, hin und wieder ein solches Buch zur Hand zu nehmen. Man
gruselt sich und wenn man es weglegt, ist man froh, wieder in der
Gegenwart und in der Realität zu sein. Aber solche Bücher bringen
uns auch zum Nachdenken. Ich lag nach der Lektüre dieses Kapitels
noch eine ganze Weile wach und dachte über den Verlust von Begriffen
in meiner Muttersprache Plattdeutsch nach. Nun gibt es zum Glück bei
uns keine von Staats wegen gesteuerte Politik zur Eliminierung
bestimmter Vokabeln, aber auch unsere Regionalsprache gehört zu den
weltweit sehr wenigen Sprachen, deren Vokabular nicht größer
sondern kleiner wird. Vielleicht sollten wir uns anhand einiger
Beispiele Gedanken machen, welche Auswirkungen das auf unser Leben
und unser Bewusstsein haben könnte.
Man
könnte bestimmte Begriffe ins Feld führen, die typisch sind für
das Leben der Menschen im Emsland. Spontan fallen mir dazu Dinge ein
wie Naoberskup, Notnaober, den ersten
Naober aus dem Bereich des
Zusammenlebens im Dorf. Jemand, der mit dem Landleben im Emsland
nicht vertraut ist, wird unter dem Begriff Nachbarschaft etwas ganz
anderes verstehen als wir. Für den Bewohner einer größeren Stadt
ist Nachbarschaft womöglich eine Person, die man im Vorbeigehen im
Treppenhaus grüßt. Bei einem Emsländer weckt er Assoziationen mit
wichtigen Lebensabschnitten - fröhliche und traurige Anlässe, wie
z.B. das Bogenmachen für eine Hochzeit, gegenseitige Hilfe bei
bestimmten Arbeiten in Haus und Hof, aber auch das Vorbeten und
Sargtragen bei einer Beerdigung. Daher ist es gut, dass wir in
unserem Plattdeutsch umfangreicheres Vokabular für diesen Bereich
zur Verfügung haben.
„Laot
di nich nögen!“ heißt es manchmal,
wenn man bei Freunden oder Verwandten zu Besuch ist. „Lass dich
nicht einladen“ ist bei weitem keine treffende Übersetzung für
diesen Satz. Erst die Betrachtung der gesamten Situation gibt das
Gefühl wieder, das ein Emsländer mit dieser Aufforderung verbindet.
Es geht darum, dass man bei Menschen zu Besuch ist, die es gut mit
einem meinen und erwarten, dass man noch lange nicht mit dem Essen
der aufgetischten Leckereien aufhört. Zwischendurch muss man
natürlich noch zahlreiche Fragen beantworten und Erlebnisse
berichten. Möglicherweise gibt es zwischen den Leckerbissen auch
noch ein paar Schnäpse.
Der
Gastgeber sagt: „lass dich nicht nötigen“, obwohl er selber
genau das tut. Den Gast zum Essen, Trinken, Reden und Wohlfühlen
„einladen, nötigen, auffordern, ermuntern, anspornen...“.
Nun
wird dem uneingeweihten Leser klar, dass „Lass
dich nicht einladen“ im Emsland etwas
mit Gastfreundschaft zu tun hat! Es zeigt sich, wie eng Bewusstsein
und Sprache zusammenhängen und dass jeder Verlust an Vokabular auch
eine Änderung der Denkweise, der Mentalität und somit auch der
Lebensweise bedeutet.
16
Sorten Schnee?
Vor
ein paar Jahren gab es in den Medien eine halbernste Diskussion
darüber, welches Volk denn nun mehr verschiedene Begriffe habe für
Schnee, die Eskimos oder die Isländer. Beendet wurde dieser Streit
schließlich von einem Linguisten der Freien Universität Berlin,
Prof. Anatol Stefanowitsch. Er zählte 16 isländische Begriffe für
Schnee und erklärte somit die Bewohner der Insel im Nordatlantik zu
den Siegern.
Wenn es um die höchste Anzahl von Adjektiven für
einen bestimmten Charakterzug ginge, hätten wir Emsländer gute
Chancen auf einen der vorderen Plätze. Es geht um die verschiedenen
Begriffe für eine Eigenschaft, die man im Hochdeutschen „stieselig“
oder „sturköpfig“ nennen würde. In meiner Sprache nenne ich
das: pägelig, dwäs, dwerg, äselig,
bucksk, eigen, stur, dickköppig...
Allesamt
Umschreibungen einer Charaktereigenschaft, die das Emsland womöglich schon einmal vor Schlimmerem bewahrt hat. Im Jahre 1976, als man den
ersten Versuch unternahm, den Ort Wippingen bzw. den Salzstock Wahn als Ort für ein nukleares
Endlager zu bestimmen.
Möglicherweise
tun wir im Emsland gut daran, uns die obigen Begriffe gut einzuprägen
und keinen davon zu verlieren....
(Ursprünglich veröffentlicht am 24.06.2014 - Hyazinth Sievering)
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