Donnerstag, 3. September 2015

Wörter löschen?






Wörter löschen?


(von Hyazinth Sievering)

Es macht unheimlichen Spaß, Wörter auszulöschen. Die meisten überflüssigen Wörter sind natürlich Verben und Adjektive, aber es gibt auch Hunderte von Substantiven, derer man sich entledigen kann. Dabei geht es nicht nur um die Synonyme, es gibt auch noch die Begriffe, die das Gegenteil bedeuten...“



Beim unvorbereiteten Lesen dieser Zeilen wird der unbeteiligte Leser erst mal zu Recht erschrocken sein. Schließlich sind wir doch einhellig der Meinung, dass jede Nuance, jedes Synonym eine Bereicherung darstellt. Je umfangreicher unser Wortschatz, desto besser.

Die obige Textpassage stammt aus George Orwells „1984“, jener vielzitierten Dystopie, in der ein totalitäres Gesellschaftssystem, eine absolute Diktatur mit dem notwendigen Überwachungsstaat beschrieben wird. Viele von uns haben das Buch möglicherweise während der Schulzeit gelesen. Beim Auspacken eines alten Kartons fiel es mir vor kurzem wieder in die Hände und ich begann zu blättern. Bei obiger Textstelle, in der Syme, ein Kollege des Protagonisten Winston Smith, diesem von seiner Arbeit an der Reformierung der Sprache erzählt, blieb ich hängen. Die Regierung von Oceania möchte die Sprache an die Erfordernisse der „Gedankenkontrolle“ anpassen und deshalb zahlreiche Begriffe ersatzlos streichen.

Nun leben wir glücklicherweise nicht in einer Diktatur und ich gehe nicht davon aus, dass es jemand auf unsere Gedanken abgesehen hat. Trotzdem begann ich darüber nachzudenken, wie der Verlust von bestimmten Begriffen in unserer Sprache unser Denken beeinflussen könnte. Wie sagt doch der Kollege von Winston Smith:

...der ganze Sinn der neuen Sprache „Newspeak“ ist es, die Bandbreite unserer Gedanken einzuengen. Am Schluss dieses Prozesses werden wir in Gedanken begangene Kritik am Regime buchstäblich unmöglich machen, denn es wird keine Wörter mehr geben um sie zu beschreiben. Jede Idee, jeder Gedanke der jemals benötigt werden könnte, wird mit genau einem einzigen Begriff ausgedrückt, dessen Bedeutung genau definiert ist. Alle weiteren Bedeutungsnuancen sind ausgelöscht und vergessen...
...dieser Prozess wird sogar noch weitergehen, wenn du und ich schon längst gestorben sind. Jahr für Jahr weniger Wörter und die Bandbreite des Bewusstseins jedes Jahr etwas kleiner.“

Es macht Spaß, hin und wieder ein solches Buch zur Hand zu nehmen. Man gruselt sich und wenn man es weglegt, ist man froh, wieder in der Gegenwart und in der Realität zu sein. Aber solche Bücher bringen uns auch zum Nachdenken. Ich lag nach der Lektüre dieses Kapitels noch eine ganze Weile wach und dachte über den Verlust von Begriffen in meiner Muttersprache Plattdeutsch nach. Nun gibt es zum Glück bei uns keine von Staats wegen gesteuerte Politik zur Eliminierung bestimmter Vokabeln, aber auch unsere Regionalsprache gehört zu den weltweit sehr wenigen Sprachen, deren Vokabular nicht größer sondern kleiner wird. Vielleicht sollten wir uns anhand einiger Beispiele Gedanken machen, welche Auswirkungen das auf unser Leben und unser Bewusstsein haben könnte.

Man könnte bestimmte Begriffe ins Feld führen, die typisch sind für das Leben der Menschen im Emsland. Spontan fallen mir dazu Dinge ein wie Naoberskup, Notnaober, den ersten Naober aus dem Bereich des Zusammenlebens im Dorf. Jemand, der mit dem Landleben im Emsland nicht vertraut ist, wird unter dem Begriff Nachbarschaft etwas ganz anderes verstehen als wir. Für den Bewohner einer größeren Stadt ist Nachbarschaft womöglich eine Person, die man im Vorbeigehen im Treppenhaus grüßt. Bei einem Emsländer weckt er Assoziationen mit wichtigen Lebensabschnitten - fröhliche und traurige Anlässe, wie z.B. das Bogenmachen für eine Hochzeit, gegenseitige Hilfe bei bestimmten Arbeiten in Haus und Hof, aber auch das Vorbeten und Sargtragen bei einer Beerdigung. Daher ist es gut, dass wir in unserem Plattdeutsch umfangreicheres Vokabular für diesen Bereich zur Verfügung haben.

Laot di nich nögen!“ heißt es manchmal, wenn man bei Freunden oder Verwandten zu Besuch ist. „Lass dich nicht einladen“ ist bei weitem keine treffende Übersetzung für diesen Satz. Erst die Betrachtung der gesamten Situation gibt das Gefühl wieder, das ein Emsländer mit dieser Aufforderung verbindet. Es geht darum, dass man bei Menschen zu Besuch ist, die es gut mit einem meinen und erwarten, dass man noch lange nicht mit dem Essen der aufgetischten Leckereien aufhört. Zwischendurch muss man natürlich noch zahlreiche Fragen beantworten und Erlebnisse berichten. Möglicherweise gibt es zwischen den Leckerbissen auch noch ein paar Schnäpse.

Der Gastgeber sagt: „lass dich nicht nötigen“, obwohl er selber genau das tut. Den Gast zum Essen, Trinken, Reden und Wohlfühlen „einladen, nötigen, auffordern, ermuntern, anspornen...“.

Nun wird dem uneingeweihten Leser klar, dass „Lass dich nicht einladen“ im Emsland etwas mit Gastfreundschaft zu tun hat! Es zeigt sich, wie eng Bewusstsein und Sprache zusammenhängen und dass jeder Verlust an Vokabular auch eine Änderung der Denkweise, der Mentalität und somit auch der Lebensweise bedeutet.


16 Sorten Schnee?

Vor ein paar Jahren gab es in den Medien eine halbernste Diskussion darüber, welches Volk denn nun mehr verschiedene Begriffe habe für Schnee, die Eskimos oder die Isländer. Beendet wurde dieser Streit schließlich von einem Linguisten der Freien Universität Berlin, Prof. Anatol Stefanowitsch. Er zählte 16 isländische Begriffe für Schnee und erklärte somit die Bewohner der Insel im Nordatlantik zu den Siegern.

Wenn es um die höchste Anzahl von Adjektiven für einen bestimmten Charakterzug ginge, hätten wir Emsländer gute Chancen auf einen der vorderen Plätze. Es geht um die verschiedenen Begriffe für eine Eigenschaft, die man im Hochdeutschen „stieselig“ oder „sturköpfig“ nennen würde. In meiner Sprache nenne ich das: pägelig, dwäs, dwerg, äselig, bucksk, eigen, stur, dickköppig...

Allesamt Umschreibungen einer Charaktereigenschaft, die das Emsland womöglich schon einmal vor Schlimmerem bewahrt hat. Im Jahre 1976, als man den ersten Versuch unternahm, den Ort Wippingen bzw. den Salzstock Wahn als Ort für ein nukleares Endlager zu bestimmen.

Möglicherweise tun wir im Emsland gut daran, uns die obigen Begriffe gut einzuprägen und keinen davon zu verlieren....


(Ursprünglich veröffentlicht am 24.06.2014 - Hyazinth Sievering)

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