Donnerstag, 3. September 2015

Von Schnackern und Protern I




Von Schnackern und Protern I

(von Hyazinth Sievering)


Man sagt der plattdeutschen Sprache nach, dass sie sehr ausdruckstark sei. Tatsächlich gibt es sehr viele Sprichwörter, Metaphern und bildhafte Ausdrucksweisen, die -mal ernsthaft, mal lustig- meist den Nagel auf den Kopf treffen. Manchmal muss man bei weniger bekannten Sprichwörtern erst kurz nachdenken, z.B.:

"Mit'n old Huus un 'ne junge Frau is immer wat to daun."

Erst nach einer Weile des Nachdenkens bei einer Tasse Tee erschließt sich einem der ganze Sinn dieser Volksweisheit. Man stellt sich förmlich vor, wie dieser Satz von einem vielbeschäftigten Mann abends mit einem Seufzer in geselliger Runde ausgesprochen wird. Bei der zweiten Tasse Tee malt man sich dann aus, was dieser Mann alles an seinem Haus zu reparieren hat und wie viel Zeit dies in Anspruch nimmt. Bei der dritten Tasse Tee schließlich, überlegt man sich, wie sehr wohl dieser bedauernswerte Zeitgenosse von seiner jungen Frau in Anspruch genommen wird...

Manchmal kann man sogar das Alter einer Redensart grob abschätzen. Wenn man in Haus oder Hof etwas repariert oder neu gebaut hat, wird nach dem Einschlagen des letzten Nagels die Festigkeit der Bretter oft durch kräftiges Rütteln geprüft. Ist man mit der Festigkeit zufrieden, heißt es dann:

"Dat sitt as Münster!"

Da das Emsland bis 1803 zum Niederstift Münster gehörte, darf man vermuten, dass diese Redensart vor mehr als 210 Jahren entstanden ist, als Münster für die Emsländer noch Hauptstadt und Bischofssitz war.

Ein Grund für die Bildhaftigkeit des Plattdeutschen dürfte sein, dass die Sprache der Norddeutschen Tiefebene in zahlreiche regionale Varianten unterteilt ist. Bereits bei einem Besuch in einer wenige Kilometer entfernten Nachbargemeinde merken wir, dass bestimmte Wörter etwas anders ausgesprochen werden. Mit etwas Übung und Interesse kann man anhand der Aussprache schnell feststellen, aus welchem Dorf jemand stammt.

Gehen wir noch etwas weiter und überqueren die Kreisgrenze, werden die Unterschiede größer. Nach Norden hin, beginnt gleich hinter Papenburg das Ostfriesische mit erheblichen Unterschieden in Aussprache, Wortschatz und Grammatik. Auch die Umgebung wirkt sich aus auf die Art und Weise, wie jemand seine Lebenserfahrung in Sprichwörtern zusammenfasst. So wird beispielsweise ein Ostfriese an der Nordseeküste wahrscheinlich Vergleiche aus der Seefahrt verwenden, während einem Landwirt aus dem Emsland vielleicht eher eine Situation aus dem Ackerbau in den Sinn kommt.

Zur Fortsetzung bitte auf "von Schnackern und Protern II" klicken.

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