Stille
Post
(von Hyazinth Sievering)
Wohl
jeder hat schon mal als Kind das Spiel ‘Stille Post’ gespielt.
Man sitzt im Kreis und einer der Mitspieler denkt sich ein Wort oder
einen kurzen Satz. Das Wort oder der Satz wird dann dem nächsten
Mitspieler ins Ohr geflüstert. Der wiederum flüstert es dem
Nächsten ins Ohr und so weiter bis der letzte Spieler erreicht ist.
Dieser muss das soeben Gehörte dann laut wiederholen. Oft kommt es
zu sehr amüsanten Veränderungen des Gesagten, weil es durch das
Flüstern falsch verstanden und weitergegeben wird. Es ist wie mit
einem Dorfgerücht, das sich von Gespräch zu Gespräch, von Person
zu Person leicht verändert und manchmal groteske Formen annimmt.
Auch
die Muttersprache eines Menschen wird zunächst vor allem mündlich
weitergegeben. Erst viel später, wenn das Kind bereits gut sprechen
kann, beginnt der Schulunterricht und das Kind lernt seine
Muttersprache zu schreiben. Oder eine andere Sprache. Bei einem
Großteil der erwachsenen Emsländer dürfte dies der Fall sein. Die
Muttersprache ist Platt und in der Schule wurde dann Hochdeutsch
gelernt. Sprechen und Schreiben. Somit wird die Muttersprache
Plattdeutsch nur mündlich weitergegeben.
Da
wundert es nicht, dass es von Generation zu Generation zu
Veränderungen kommt. Die Aussprache ändert sich und manche Wörter
klingen nach wenigen Generationen ganz anders.
Ein
typisches Beispiel ist unser Wort für Bett, im Emsländer Platt
Berre
genannt. Wir haben es hier mit einem klassischen Fall von „Stiller
Post“ zu tun, denn ursprünglich lautete das plattdeutsche Wort für
die Schlafstätte Bedde.
Das kurz und schnell gesprochene Wort veränderte sich. Aus dem
d-Laut wurde ein gerolltes r. Ebenso die Kröte, plattdeutsch Parre,
die ursprünglich einmal Padde
hieß. Der Linguist Hermann Schönhoff, dessen Buch über das
Emsländer Platt ich hier vor einiger Zeit vorstellte, beschrieb
diesen Lautwandel von d zu r schon 1908.
Möglicherweise
haben diese „Hörfehler“ damit zu tun, dass der Lernende das
Gehörte anders deutet und mit Bekanntem vergleicht. So wird die
Brennnessel bei uns von einigen Menschen Branneckel
genannt. Richtig müsste es heißen Brannnäddel,
die sich auch in ähnlicher Form im Hümmlinger Wörterbuch von
Heinrich Book und Hans Taubken wiederfindet. Die „Näddel“ (vgl.
Englisch: nettle) ist anscheinend beim ersten Hören erst mal etwas
Unbekanntes und wird vielleicht mit „Eckel“ (Eichel) verglichen.
Ein
häufig gebrauchtes Wort in unserem heimischen Plattdeutsch lässt
tiefere Schlüsse über den Wandel der Aussprache zu: neischierig,
plattdeutsch für das Adjektiv „neugierig“. Auf den ersten Blick
könnte man meinen, dass es aus nei
und schierig
zusammengesetzt ist, wobei uns die zweite Hälfte sehr fremdartig
erscheint. Klarer wird es erst, nachdem wir den Trennungsstrich an
der richtigen Stelle gesetzt haben: neis-chierig.
Also „Neues“ und „chierig“? Gierig. Gierig auf Neuigkeiten.
Bei
älteren Plattsprechern hört man noch manchmal, dass sie das sch
nicht wie im Hochdeutschen aussprechen, sondern dass es sich um eine
Kombination aus scharfem s gefolgt von ch handelt. So klingt das
plattdeutsche Schaf bei älteren Emsländern etwa wie „ss-chaop“.
Im Gegensatz dazu bei jüngeren Sprechern „schaop“ mit dem aus
dem Hochdeutschen bekannten Laut wie in „schön“.
Auch Schönhoff beschreibt diesen Laut in seinem Werk, z.B. auf Seite
158:
Auch
ein anlautendes g wurde früher als ch ausgesprochen, wenn es mit
stimmlosen anderen Konsonanten (z.B.: p, t, k oder s) zusammentraf.
Eben jene Kombination aus s und ch hörte man auch im Wort
neis-chierig,
was dann von der nachfolgenden Generation als neischierig
übernommen wurde.
Die
unterschiedliche Aussprache des g wird anschaulich sichtbar in einer
kleinen Geschichte, die man sich vor über hundert Jahren in Lathen
erzählte. Sie wird von Hermann Schönhoff in Lautschrift
wiedergegeben. In diesem kleinen Dönken kommt zwei Mal das Wort Geld
vor. Vergleiche die Aussprache „dat
Cheld“
und beim zweiten Mal „kien Geld“.
Hier
die Transkription der Geschichte in der originalen Lathener
Aussprache zum Mitlesen und Schmunzeln:
Einmaol
was dor es’n Dominikaner un’n Franziskaner, de wörn ut wäen to
(...*), un de Dominikaner drög dat Geld. Do kömen se vör’n
Water. Do segg de Dominikaner to’n Franziskaner, he harr doch blote
Föite, he künn’n wall up’n Nacken nähmen un dör’t Water
drägen. Do dö dei’t uk un as se midden in’t Water wören, sä
de Franziskaner, he düss kien Geld drägen un sett den Dominikaner
midden in’t Water hen. Un do künn he seihn, dat he de weer utköm.
(ursprünglich veröffentlicht 18.12.2013 - Hyazinth Sievering)
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